Welche Rolle spielt die Regulierung, insbesondere die «Ecodesign for Sustainable Product Regulation» (ESPR)?
Francis Froborg: Regularien sind grundsätzlich ein wichtiges Instrument, um für alle Beteiligten vergleichbare Bedingungen und Anforderungen zu schaffen («level playing field»). Sie fördern die Umsetzung von für die Gesellschaft relevanten Zielen. Es ist aber wichtig, dass die Regularien zielgerichtet sind und nicht zu einer überbordenden Bürokratie ausarten. Der EU Green Deal - und somit auch die ESPR - neigen dazu, sehr umfangreich zu sein. Gleichzeitig sind sie zum Teil unklar oder verlieren sich in Details. Hier wird es mittelfristig Nachbesserungen brauchen. Auch, um in Zukunft mit aussereuropäischen Firmen wettbewerbsfähig zu bleiben.
Was bedeutet sie spezifisch für Industrieunternehmen in der Praxis?
In der Praxis hat die ESPR wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung: Industrieunternehmen müssen ihre Produkte wie auch die Produktentwicklungs- und Produktionsprozesse an die neuen Anforderungen anpassen, etwa durch den verstärkten Einsatz nachhaltiger Materialien und modularer Designs. Sie sind verpflichtet, belegen zu können, dass ihre Produkte energieeffizient und reparaturfreundlich sind. Dies erfordert nicht nur die Auswertung der passenden Daten, sondern kann auch eine insgesamte Neuausrichtung des Geschäftsmodells bedeuten.
Wie kann Digitalisierung helfen, Nachhaltigkeitsziele effizient umzusetzen?
Nachhaltigkeit ohne Daten ist Greenwashing. Ohne Daten wissen wir nicht, wo das grösste Verbesserungspotenzial ist und wie erfolgreich bestimmte Massnahmen sind. Daten, wie auch die hierfür notwendigen oder hilfreichen Sensoren, bieten ein immenses Potenzial für inkrementelle wie radikale Innovation – für Produkte aber auch für ganze Geschäftsmodelle.
Entsprechend ist der erste wichtige Schritt eine effiziente Datenverarbeitung. Hier geht es nicht nur um den Zusammenzug aus den verschiedenen Quellsystemen, sondern vor allem auch das Verknüpfen mit Nachhaltigkeitsinformationen, Füllen von Datenlücken und Aufbereiten für die relevanten Anwendungsfälle. Gerade beim Verknüpfen und Lückenfüllen spielt KI, gegebenenfalls auch generative KI, eine zentrale Rolle, da so grosse Datenmengen manuell nicht in sinnvoller Zeit verarbeitet werden können.
Warum ist es gerade jetzt wichtig, sich mit Ecodesign und Digitalisierung auseinanderzusetzen?
Europäische Produzenten sind extrem unter Druck. Der Wettbewerb schläft nicht, insbesondere Niedriglohnländer haben in den vergangenen Jahren aufgeholt. Es fällt immer schwerer sich am Markt zu differenzieren, gleichzeitig entsteht ein hoher Kostendruck. Ecodesign und Digitalisierung bieten nicht nur eine Chance zur Differenzierung, sondern auch enormes Potenzial, um Kosten zu senken und Effizienz zu steigern und so das langfristige Überleben zu sichern. Ein Beispiel sind neue Geschäftsmodelle wie «Product as a Service», quasi der Inbegriff der Circular Economy. Für dieses Modell sind hochqualitative, in Teilen wiederverwendbare Produkte essenziell. Zudem sorgt das Geschäftsmodell für stetige, wiederkehrende Einnahmen, senkt die Kosten für Rohmaterialien durch Wiederverwendbarkeit und steigert die Effizienz und Kundenbindung. Das zeigt: Nachhaltigkeit hat nicht nur eine ökologische Dimension, sie ist auch finanziell hochspannend und federt verschiedene Risiken ab.
Welche konkreten Vorteile haben Unternehmen, die sich frühzeitig mit diesen Themen beschäftigen?
Kurz gesagt: Unternehmen sichern ihr Überleben am Markt. Nachhaltigkeit ist kein Hype, der wieder verschwinden wird. Mit den spürbar werdenden Folgen des Klimawandels werden weitere Massnahmen notwendig, allein schon für die Risikominderung, und regulatorische Anforderungen werden eher steigen als sinken. Zudem bietet Nachhaltigkeit auch Potenzial in Sachen Effizienz- und Kostenoptimierung. Innovationen und neue Produktentwicklungen benötigen aber Zeit. Um also für die Zukunft gut aufgestellt zu sein, lohnt es sich, frühzeitig zu investieren. Es gibt übrigens auch ganz aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass sich nachhaltige Innovationen und Investitionen auszahlen, da sie signifikant höhere Erträge für Unternehmen bringen.
Ein spezifisches Projekt, das ich gern hervorheben möchte, ist unsere langjährige Zusammenarbeit mit Bystronic. Gemeinsam haben wir basierend auf Ökobilanzen und Ecodesign-Workshops Massnahmen erarbeitet, die für ihre Blechbearbeitungsmaschinen die CO2-Emissionen um 50% reduzieren sowie die Betriebskosten senken.
Warum sollten Interessierte das Seminar «Ecodesign und Digitalisierung» nicht verpassen?
Im Seminar wollen wir zeigen: Nachhaltigkeit dreht sich nicht nur um Regulatorik und Compliance. Sie ist ein strategisches Tool, um Unternehmen für die Zukunft auszurichten. Es wird neben der Theorie zum ökonomischen Potenzial von Nachhaltigkeit konkrete Praxisbeispiele aus unterschiedlichen Branchen geben, bei denen Nachhaltigkeit für Effizienzsteigerung, Kostensenkungen und als Basis für zukünftige Innovation genutzt wurde.
Zur Person
Francis Froborg hat einen Master im Bereich Nachhaltigkeit mit Fokus auf Ecological Engineering sowie einen Doktor in Physik. Als Delivery Manager Sustainable Innovation bei Zühlke verantwortet sie den Bereich Nachhaltigkeit für Kunden im Bereich Industrie und Konsumgüter und unterstützt diese unter anderem bei der Berechnung von Ökobilanzen und daraus resultierenden Produktanpassungen oder auch bei der Entwicklung neuer Business Modelle.
Sie ist Referentin am Tagesseminar «Ecodesign und Digitalisierung – Pflichten verstehen und Nachhaltigkeit gestalten», welches Swissmem und Next Industries zusammen anbieten.